Der Edelsteinschliff in Indien

Die aus technischen und naturwissenschaftlichen Gedanken geborene Idee, Edelsteine gemäß ihrer kristallinen Struktur in Facetten zu schleifen, etwa wie beim Brillantschliff, der dem Diamanten seine höchste Strahlkraft verleiht, war den Indern früher fremd. In Europa begann die Suche nach geeigneten Schlifformen schon früh. Selbst härteste Steine wurden “gefügig“ gemacht. Um das Jahr 1475 erkannte Ludwig von Berquem die anisotropen Eigenschaft des Diamanten. Die Erkenntnis, daß dieses härteste Material auf Erden in verschiedenen Schleifrichtungen geringfügige Unterschiede in der Härte aufweist, war ausschlaggebend für die Entwicklung der Diamantschleiftechnik. Zuvor konnte man den Stein nur spalten.

Im Gegensatz dazu bevorzugten die Inder, die natürliche Form des Steines im wesentlichen bestehen zu lassen. Ein natürlicher, perfekt geformter Diamantoktaeder durfte gar nicht geschliffen werden. Er galt als heilig. Andere Juwelen schliff man nur, soweit nötig, zu unregelmäßigen Formen. Die Gestaltung des Schmucks hatte sich der Steinform anzupassen. Man wollte möglichst wenig von der geheiligten Materie der Edelsteine entfernen.

Die Ehrfurcht der Inder vor Edelsteinen ist im Glauben an die Magie der Steine und der Himmelskörper verwurzelt. Man verabreicht Edelsteinpulver sogar Kranken als Medizin. War eine Unreinheit in bestimmten Steinen, musste sie nach Ansicht der Hindus entfernt werden. Die Mohammedaner waren diesbezüglich nicht so streng in ihren Auffassungen. Sie liebten geschnittene, reich verzierte Edelsteine. In Achate und in Jade schnitt man heilige Suren aus dem Koran und florale Dekorationen. Man formte Smaragde, Jade, Rubine und Türkise zu üppigen Blumen. Zwar findet man so geschliffene Steine spätestens ab dem 18. Jahrhundert auch auf dem Schmuck reicher Hindus, aber der stilistische Anstoß für diese Werke kam aus der islamischen Welt.

Sehr beliebt war der Cabochonschliff. Selbst Rubine schliff man bevorzugt in mugeliger Form. Europäische Schlifformen von Edelsteinen waren schon im 17. Jahrhundert in Indien bekannt. Einerseits importierte man geschliffene Edelsteine aus Europa, andererseits arbeiteten europäische Edelsteinschleifer an den Höfen Indiens. Indische Handwerker setzten sich ebenfalls mit den europäischen Schleiftechniken auseinander.

Berühmt wurden die verschiedenen Versionen des rose cut (hindi: polki) für Diamanten, die eventuell sogar eine indische Weiterentwicklung früher europäischer Schleiftechnik darstellen. Große Förderer dieser Kunst waren die Kaiser Dschahangir und Schah Dschahan. Der „technisch perfekt“ geformte Stein, wie etwa der Brillant, wurde erst mit dem ausgehenden 19. Jahrhundert mehr und mehr Mode. Eine barbarische Großtat, die von der Abwesentheit jeglichen Gefühls für die Schätze der Natur zeugt, verübten Europäer an dem kostbaren Diamanten koh-i-nur „Berg des Lichts“: Damit er besser zur britischen Krone paßte, schliff man 1/3 seiner Substanz weg! Das wäre im alten Indien niemals geschehen!

Heute ist das anders. Zeugnis dafür ist die große Menge von Edelsteinen, die in jeder beliebigen Form mit Laserstrahlen geschnitten werden. Wie weit man sich doch auch in Indien von einst Geheiligtem entfernt hat.


Auszug aus dem Buch: „BLUMEN DES PARADIESES“
Der Fürstenschmuck Nordindiens v. Hans Weihreter
Akademische Druck- u. Verlagsanstalt Graz, 1997

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