Rezension: Mythos Gold – Michael Buddeberg

Schmuck ist in Indien immer multifunktionell: Ganz zuerst ist er Amulett, dann Kapitalanlage, schließlich Rangabzeichen und dann muss er noch der Aufgabe gerecht werden, die Trägerin oder den Träger zu schmücken, muss also schön sein. Das ist eine für den ganzen Subkontinent gültige Rangfolge. Aber für den westlichen Sammler und Bewunderer indischen Schmucks steht seine Schönheit, steht die oft außerordentliche ästhetische Qualität im Vordergrund, von der schier unübersehbaren formalen und handwerklichen Vielfalt ganz abgesehen. Doch erst der Kern indischer Schmucktradition, die Funktion des Schmucks als Schutz vor Dämonen, vor schädlichen Einflüssen, vor dem bösen Blick, Krankheit, Tod und anderem Unbill öffnet den Weg zum Verständnis für die Vielfalt der Formen, für die Ikonographie und für die tiefere Bedeutung von diesem Schmuck. Aber die Studienobjekte sind rar. Die gleich nach der Funktion als Amulett folgende und vor allem für den Volksschmuck so wichtige Eigenschaft als Kapitalanlage hat eine fatale Konsequenz: Je nach den Wechselfällen des Lebens musste Schmuck immer wieder zu Geld gemacht werden, wurde zerstört, eingeschmolzen und im besten Falle umgearbeitet. Eine schlechte Ernte, eine Tierseuche oder Überschwemmung vernichtete nicht nur Korn, Vieh oder ganze Dörfer, sondern stets auch Schmuck. Obwohl Indien nach wie vor das Schmuckland par excellence ist, ist alter Schmuck daher selten und mit ihm auch der Formenreichtum des traditionellen Volksschmucks mehr und mehr verloren gegangen. Schließlich führt auch der durch die Globalisierung der Kapitalmärkte in Indien stark gestiegene Materialpreis für Edelmetalle und gute Steine dazu, dass täglich antike, seltene und kostbare Schmuckexemplare eingeschmolzen und so für immer zerstört werden. Hans Weihreter, dem seit drei Jahrzehnten im Himalaya, in Indien und in den angrenzenden Regionen reisenden Feldforscher, Händler und Schmuckspezialisten, ist es zu danken, dass er in einer ganzen Reihe gedruckter und digitaler Publikationen die Vielfalt und Schönheit indischen Schmucks dokumentiert hat.

Während in den vergangenen Jahren der Schwerpunkt von Weihreters Forschung, Büchern und CD-ROMs auf dem Gebiet der Juwelen indischer Fürsten und Maharadschas lag, ist die jüngste CD-ROM ganz dem inzwischen so rar gewordenen alten Volksschmuck gewidmet. „Schützende Pracht“ ist das Ergebnis einer Reihe von Reisen in entlegene Regionen Indiens, aber auch von wertvollen Kontakten und Beziehungen, die sich Weihreter in vielen Jahren aufgebaut hat. So sehen wir den reichen Schmuck der „Kumari“ aus Nepal, kleiner Mädchen, die bis zu ihrer Pubertät von den Hindus als lebende Göttinnen verehrt werden. Wir sehen den traditionellen Schmuck der Stämme der Maru Raika und der Gujer und den Schmuck der noch heute weite Wanderungen unternehmenden Nomaden aus dem Volk der Rabari in den Grenzgebieten von Gujerat. Üppiger Schmuck gehört in diesen Gesellschaften noch immer zum täglichen Leben und soll vor allem vor den ungezählten Gefahren schützen, die allenthalben lauern. Hervorzuheben ist, dass wir den Schmuck in Gebrauch sehen, so, wie er getragen wird, von alten Frauen, jungen Mädchen und von Männern und dass auf diese Weise auch ein Eindruck von der noch unverfälschten Lebensweise und Ursprünglichkeit dieser Menschen vermittelt wird. Es sind seltene und wichtige Bilddokumente, denn diese nomadische Lebensform ist im Indien von heute extrem gefährdet, letztlich wohl dem Untergang geweiht. Der Höhepunkt dieser Publikation ist aber zweifellos sehr alter, teilweise wohl aus dem 18. Jahrhundert stammender Festschmuck aus Gujerat. Es ist vorwiegend Brustschmuck, Ketten, mit vielfältig gestalteten Gliedern, überreich, geschmackvoll und in perfekter Technik mit feinster Granulat- und Filigrantechnik verziert. Einen faszinierenden ästhetischen Kontrapunkt hierzu bilden schlichte, unverzierte, aber durch ihr Design und ihr kostbares Material monumental wirkende Armreifen, wohl ähnlichen Alters. Es ist ein Glücksfall, dass sich solch außergewöhnliche Stücke von altem indischen Volksschmuck über Generationen in führenden Familien erhalten haben. Eine schwere goldene Kette aus Mysore in der Provinz Karnataka, eine Girlande feinst ausgeführter Schädel, es sind die von einer Göttin abgeschlagenen Häupter von Dämonen, ein völkerkundlich, handwerklich, künstlerisch und ikonographisch hoch bedeutendes Exemplar südindischen Kultschmuckes beschließt diesen faszinierenden Reigen seltener Kleinode. Es bleibt am Ende noch zu erwähnen, dass der Autor in einem einleitenden Kapitel anhand früher indischer Tempelskulptur aus dem 7. bis zum 12. Jahrhundert Bedeutung und Vielfalt von Schmuck in Indiens ferner Vergangenheit aufzeigt und Parallelen zu dem im Buch gezeigten Volksschmuck zieht. Hans Weihreters neue CD-ROM ist ein wertvoller Beitrag zur unendlich reichen indischen Schmuckkultur.

(Zu beziehen über Edition Khyun, Schertlinstr. 11-1/26, 86159 Augsburg oder hans_weihreter@nexgo.de)

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