Rezension: Ladakh – Johannes Litzel

Weihreter, Hans: Ladakh – Vergessene Feste – Botschaften im Fels.
192 S., 80 schw.-w. u. 152 farb. Abb. – 23,0 x 23,0 cm
Akademische Druck- und Verlagsanstalt
Graz 2010

Nach vielen Publikationen über Schmuck und Amulette in Indien und dem Himalaya legt Hans Weihreter nun ein Werk über Ladakh vor. Es ist eine regionale und teils thematische Fortsetzung seiner Publikation „Westhimalaya – Am Rande der bewohnbaren Welt“ (Graz 2001) mit besonderem Augenmerk auf die Felsbilder und Feste in dieser Hochgebirgsregion.

Der indische Norden ist heute längst nicht mehr die Terra incognita der 80iger Jahre des 20. Jh. als H. Weihreter zunächst seine Reisen unternahm. Touristen haben jetzt das Terrain erobert; eine – für dortige Verhältnisse – moderne Infrastruktur war sowohl Voraussetzung als auch Folge dieser Entwicklung der letzten 30 Jahre. Und wie immer profitiert eine Region – noch in bescheidenem Maße – wirtschaftlich von dieser neuen Einnahmequelle, und verliert andererseits an den kulturellen und dinglichen Hinterlassenschaften ihrer reichen, alten Kultur. Den schon deutlich zu sehenden Verlust an Informationen und dem kulturellen Erbe in der Region durch Vandalismus, religiöse Intoleranz oder menschliche Dummheit geißelt Weihreter vehement. Die Dokumentation dieser Relikte lag und liegt dem Autor daher besonders am Herzen und führte zu dieser neuen Publikation.

Nach einer Einführung in die Regionalgeschichte – für den Kundigen ausreichend, für den Novizen sehr knapp – aber reich und gut bebildert, widmet sich der Autor zunächst den Felsbildern. Aus seinem reichen Fundus wählt er eindrucksvolle Beispiele (eine komplette Auflistung würde den Rahmen eines Druckwerkes wohl sprengen); sortiert nach sinnvoll gewählten und detailliert erklärten, eigenen Kriterien stilistischer und inhaltlicher Natur. Die verschiedenen Datierungsansätze sind sehr interessant; so den Baustil der zuweilen dargestellten Chörten relativchronologisch zu verwenden hat sicher grundsätzlich sehr viel Sinn. Eine Diskussion über mögliche Ausnahmen (z.B. der Künstler stellt etwas dar, was er nur auf anderen Bildern gesehen hat und nicht seiner Lebenswirklichkeit entnommen ist, im Sinne eines stilistischen Rückgriffs) wird aber noch geführt werden müssen. Fachtermini werden eingeführt – z.B. Wüstenlack – und erklärt, mit den reichen Bildern illustriert. Regionale Bildprogramme werden detailreich besprochen; weiträumige, kulturelle Bezüge aufgezeigt und diskutiert. Komparatives Material hätte zusätzlich als Abbildung beigefügt dem in diesem Spezialbereich nicht so bildfesten Leser geholfen; aber die entsprechenden Bildrechte hätten den kalkulatorischen Rahmen sicher überfrachtet. Einschlägige und zitierte Literatur ist dafür im Apparat aufgelistet; die Liste ist ganz sicher nicht vollständig und muss bei Bedarf ergänzt werden.

Der Frage nach den Herstellern geht der Autor in einem eigenen Kapitel nach; die handwerkliche Entstehung der Petroglyphen kommt aber ein wenig zu kurz; mögliche Klopf- und Ritzwerkzeuge oder Stein- bzw. regional verwendete Metallmeißel fehlen in der Bildauswahl. Damit steht aber Weihreter in guter Tradition; bei den meisten Arbeiten über Felsbilder weltweit haben die Bearbeiter auf die ausreichende Darstellung der Werkzeuge leider verzichtet.

Die Schwierigkeiten der fotographischen Erfassung von Felsbildkunst – unterschiedliche Lichteinfälle, Größe der Bildergalerien, Farb- und Schwarzweißaufnahmen u.a.m. – werden iert beschrieben; weitere technische Details wie Kameras, verwendete Filme, Objektive und Brennweiten werden wohl nur von Spezialisten vermisst. Die zeichnerische Dokumentation als manchmal einzige Lösung für das Problem der versagenden Fototechnik wird mit vielen Beispielen aufgezeigt. Die leidvollen Erfahrungen eines Felsbildforschers erläutern auch dem Neuling oder dem Ungeübten die manchmal schwierigen Wege und Umwege der Forschung. Das Einfügen von sehr persönlichen Tagebucheinträgen macht das Werk lebendig und lesenswert; es unterscheidet sich darin wohltuend von manch drögem Fachbuch, das dem Leser mehr Leidensfähigkeit bei der Lektüre abverlangt als sinnvoll und der Sache angemessen wäre.

Im zweiten Teil des Buches widmet sich Weihreter verschieden Festen (sehr interessant das „Fest der Bogenschützen“), Wallfahrten aber auch religiösen Objekten und der regionalen Form des Schamanismus. Diese Themen werden aber auch wieder z.T. mit Darstellungen auf Petrographien in Zusammenhang gebracht und dienen der wechselseitigen Interpretation der Phänomene. Auch hier dienen Tagebucheintragungen der atmosphärischen Illumination der Szenerie und bringen den Leser wieder mitten ins Geschehen. Dichte Beschreibungen wechseln auch schon mal mit persönlichen Ansichten Weihreters; vollkommen zulässig, wenn auch die Sicht des Autors nicht immer nachvollziehbar sein mag oder muss, ist diese Methode vollkommen legitim. Der Forscher ist auch als Mensch beteiligt; in diesem Buche wird es deutlich aufgezeigt und unterscheidet sich somit wohltuend von vergleichbaren Werken, in denen dieser Aspekt der teilnehmenden Beobachtung eher vernachlässigt wird und quasi nur durch die Hintertür in die Publikation eintritt.

Die Abbildungsverweise am Seitenrand machen das Auffinden der zugehörigen Bilder einfach; das häufige Vor- und Zurückblättern ist nur ein Schönheitsfehler des Mediums „gedrucktes Buch“. In digitalen Publikationen ist das Sprungmarkenverfahren sicher komfortabler für den Leser. Die Bilder sind bestens gewählt, von ansprechender Qualität, sowohl in Schwarzweiß als auch in Farbe. Der Scanvorgang des, man wird wohl sagen dürfen mittlerweile historischen Ausgangsmaterials (Dias und SW-Positive) ist gut gelungen. Die Seitenkomposition ist sehr gelungen, Text und Abbildung ergänzen sich; das Auge des Lesers wird geführt und nicht geschunden. Das Format ist handfreundlich. Ein kleines Ärgernis ist das Lektorat – oder besser sein sporadisches Fehlen. Lässliche Fehler wurden nicht beseitigt; ein heute oft zu beklagendes Manko der Verlage hat nun auch die ADEVA erreicht. Kostenreduzierung ist nicht alles. Dies ist aber dem Verfasser nicht zuzurechnen.

Was fehlt dem Werke noch? Ein Glossar wäre eine gute Idee gewesen; hilfreich für den Neuling auf dem Gebiete der Felsbildforschung und mit wenig Kenntnissen über die Region und die lokalen Sprachen. Die einschlägigen Erklärungen sind zwar im Text vorhanden; eine Wortliste im Anhang wäre einfacher zu verwenden. Die Landkarte könnte detailreicher sein. Alles kleine Sünden, nichts Weltbewegendes.

Ein nur streng wissenschaftliches Werk? Im besten Sinne nein, zum Glück für den Leser. Auch kein Reiseführer über Ladakh, nichts für den einfachen Touristen. Beste Petroglyphendokumentation, wissenschaftliche Betrachtungen und Tagebuchnotizen teilnehmender Beobachtungen: ein Einblick in einige Facetten des bewegten, prallen Lebens des Verfassers. Spannend und informativ!

Alles in allem ein sehr erfreuliches Buch; es hätte schon vor Jahren erscheinen müssen. Auf Fortsetzung wird dringend gewartet.

Johannes Litzel M.A.
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Institut für Kunsgeschichte und Archäologien Europas
Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit
Halle/ Saale

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