Rezension: Kavachha – Johannes Litzel

Rezensiert für H-Museum von Johannes Litzel, M.A. E-Mail: Agentur_Litzel@t-online.de

Seit sich der Mensch seiner selbst bewusst ist, begleitet ihn die Furcht vor dem Bösen, dem Üblen, dem verderblichen Schicksal. Manches davon mag irdischer Natur sein, erklärbar, nachvollziehbar, mit menschlichen Kräften begreif- und auch vermeidbar. Vieles scheint aber dem Wirken numinoser Mächte zu entstammen und damit den schwachen Kräften des Einzelnen entzogen. Sich dagegen zu schützen ist seit jeher Bestreben des homo sapiens. Hans Weihreter lässt das Thema Abwehrzauber – glücklicher Weise – nicht los; nach den Thogs-lcags Tibets [1] hat er sich nun den Amuletten der Hindus zugewendet. Das Tragen von Amuletten, wirkungsmächtigen Gegenständen, am Körper des Bedrohten ist eine in Indien weit verbreitete Handlung. Der Gegenstand wird durch einen Weihevorgang, ausgeführt durch einen religiösen Spezialisten, in Funktion gesetzt, quasi aufgeladen. Darstellung auf dem Amulett und Material (Silber, Gold, Weihesubstanzen) bilden die wirksame Verbindung; die dargestellte Gottheit wohnt nun – auch – in diesem Gegenstande und kann ihre segensreiche Hilfe und ihren Schutz dem Träger angedeihen lassen. Zuweilen wird dem Kavachha auch ein Zusatznutzen zugewiesen, der in Richtung Talisman (Glücksbringer) oder Schadenszauber gegen Feinde geht. In manchen Gebieten werden auch Darstellungen von Tieren und Pflanzen, bzw. Reiterkriegern, vergöttlichte oder mythische Vorfahren, verwendet. Eine Sonderform ist der Amulettbehälter als Aufbewahrungsort des wirkungsmächtigen Gegenstandes. Dass auch durchaus profane ,Mächte“ im Spiel sind, zeigt die Anbringung von Silberbatzen oder -münzen auf der Rückseite von Frauenamuletten in Rajasthan, die nach der Geburt eines Sohnes angebracht werden. Diese vermehren das Vermögen der Ehefrau und zeigen den Status als Mutter eines oder mehrerer männlicher Nachkommen.

Einen besonderen Leckerbissen stellen die antiken Stierkopfanhänger nandipada-thali dar; ein höchst erfreulicher Exkurs nach Südindien. Die Ikonographie bildet den Hauptansatzpunkt der Identifikation der im Amulett gebundenen, numinosen Schutzmacht, die Interpretation bedient sich der religiösen und kulturellen Tradition des einzelnen Trägers oder der Ethnie, der er angehört. Zahlreich und detailliert sind die Einzelmotive bearbeitet, auch mit Literaturhinweisen versehen und in einen größeren Zusammenhang gestellt. Komparative Ansätze über die Grenzen des Subkontinentes hinaus geben dem Leser weiteres Material an die Hand für eigene Arbeit. Manche Interpretation ist allerdings zu knapp formuliert; da hätte mehr Fülle nicht geschadet. Wichtig ist die Darstellung der Handwerkstechnik, die Materialverwendung und dass Anfertiger des Amuletts und Verwender durchaus verschiedenen Gruppierungen angehören können.

Datierungen sind – der Verfasser zeigt dies in ganzer Problematik – mit Vorsicht zu betrachten: Fälschungen, Neuschöpfungen und verlorene Zuweisungen sind keine Seltenheit. Die Befragung der Amulettträger sind nicht immer erfolgreich; jeder Feldforscher kann über die Qualität von Informantenaussagen ein mehrstrophiges, teils trauriges Lied singen. Auch in Indien ist der Übergang vom lebendigen Kultwesen zum Brauchtum und – letztendlich – profanen Trachtenverein fließend im vollen Gange und damit das Vergessen, das Zerfliesen von Wissen in der Zeit. Weihreter gehört zu denen, die versuchen zu retten, zu bewahren, was noch zu retten und bewahren ist. Rajasthan, Gujerat und der Westhimalaya waren diesmal der Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit; in seinem Vorwort kündigt der Verfasser weitere Werke an. Eine erfreuliche Drohung!

Ein post scriptum: das Arbeiten mit der CD ist durchaus erfreulich, narrensicher einfach und effizient; die Abbildungen sind hoch auflösend und brilliant. Eine Freude für Augenmenschen. Dem Rezensenten lag auch ein ausgedrucktes Exemplar vor; es war ohne jeden Tadel.

Anmerkung:

[1] Hans Weihreter: thog-lcags – Geheimnisvolle Amulette Tibets, Augsburg 2002. 1 CD-ROM. Rezensiert von Johannes Litzel für die Virtual Library Museen im November 2002: Link

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