Rezension: Kavachha – Michael Buddeberg

Verfasser: Michael Buddeberg, September 2004

Amulette sind meist am Körper getragene Gegenstände, die Dämonen, Unglück oder Gefahren abwehren, die die Kraft des Trägers stärken oder ihm Glück bringen sollen. Der Gebrauch von Amuletten gehört wohl zu den frühesten Ausdrucksformen menschlicher Kultur und es mag darüber gerätselt werden, was zuerst war: Bekleidung oder Amulett. Wahrscheinlich verlief die Entwicklung parallel und hat etwas zu tun mit der Ausbildung geistiger Fähigkeiten, der Entwicklung abstrakten Denkens und der Entstehung einer magischen Einstellung zur Welt und Umwelt. Schamgefühl und Bekleidung, Geisterglaube und Religion, die Vorstellung von der Belebtheit aller Dinge haben unmittelbar mit der Menschwerdung zu tun und stehen ganz am Anfang der Humangeschichte. So ist auch gewiß das Tragen von Amuletten, von krafthaltigen, unheilabwehrenden und heilbringenden Gegenständen, ob Zahn oder Kralle eines starken und gefährlichen Beutetieres, ob seltsam geformter Stein oder ungewöhnliche Muschel, der Anfang der Liebe der Menschen zum Schmuck. Im Schmuck lebt daher der Amulettgedanke bis heute in vielfältiger Weise fort ebenso wie im Talismanwesen oder in dem an der Windschutzscheibe baumelnden Maskottchen. Auch in allen Religionen haben sich Reste vorreligiöser, meist animistischer oder schamanistischer Vorstellungen und Gebräuche und damit auch mehr oder minder spürbare Reste einstigen Amulettwesens erhalten. Und nirgendwo ist der Gebrauch und der Glaube an die Wirkung von Amkuletten noch heute so reich und so lebendig wie im hinduistischen Indien. Nur ist dies wenig bekannt und wenn heute in Dritte-Welt-Läden indische Amulette angeboten werden, dann gelten sie mehr als exotischer folkloristischer Schmuck und nicht als Zeugnisse einer lebendigen religiösen Kultur. Hans Weihreters neues Buch, als handliche CD-Rom erschienen, eröffnet einen Zugang zur reichen Ikonographie und Bedeutung hinduistischer Amulette Indiens.

Der Autor hat seit 25 Jahren Indien, insbesondere die Länder des westlichen Himalaya, Rajasthan und Gujarat bereist und dort Feldforschung betrieben mit dem Schwerpunkt Schmuck und Amulett. Seine Publikationen über den Schmuck des Himalaya, über indischen Fürstenschmuck und über die „Thoktschak“ genannten, geheimnisvollen Amulette der Tibeter qualifizieren ihn als intimen Kenner dieser Materie und sein neuestes Buch über die Amulette der Hindus Indiens bestätigt dies einmal mehr. Dabei ist besonders hervorzuheben, daß Weihreter die Vielfalt, Schönheit und Bedeutung indischer Amulette nicht an heute oder erst in den letzten Jahrzehnten hergestellten Exemplaren darstellt – was angesichts der immer noch lebendigen Tradition durchaus möglich gewesen wäre –, sondern überwiegend an alten, meist sehr lange getragenen, sehr ursprünglichen Belegstücken, die überwiegend im 19. oder frühen 20. Jahrhundert, teilweise sogar im 18. Jahrhundert entstanden sind. Wenn auch deren Ikonographie, wegen des hohen Abstraktionsgrades oder wegen der durch jahrzehntelangen oder noch längeren Gebrauch hervorgerufenen Abgegriffenheit oft schwer zu entschlüsseln ist, so überzeugt in der Regel die Ästhetik und Ausdrucksstärke dieser kleinen Kunstwerke. Ob es nun Shiva ist oder Devi, die auf diesen Amuletten dargestellt sind, ob Ganesha oder Vishnu, ob Tiere oder Pflanzen, die stilisiert nur selten bekannten Arten zugeordnet werden können, in Form, Proportion und Dekor handelt es sich regelmäßig um kleine Kunstwerke von hoher handwerklicher und ästhetischer Qualität. Auch die angewandten Handwerkstechniken, Treib-, Gravier-, Granulier-, Guß- und Enmaillierarbeiten, zeigen das hohe Niveau indischer Metallhandwerker. Das Material, weit überwiegend Silber – nur ganz wenige Stücke sind aus Gold oder vergoldet – ist Bestandteil der Ikonographie, denn Silber galt und gilt als reines, glückbringendes Material. Am Ende des Bandes finden sich eindrucksvolle Portraits von Menschen aus Indien. Sie scheinen überreich mit Schmuck dekoriert, doch bei genauem Hinsehen erweisen sich die Ringe, Arm- und Halsbänder und auch die Bemalungen und Tätowierungen als reine Amulette. Das Buch ist eine wertvolle Bereicherung der Literatur zur asiatischen Schmuckkultur. Die moderne Publikationsform als CD-Rom in ausgereifter Technik und mit der Möglichkeit, schnell zwischen Text und Bild, zwischen eingehender Erklärung und vergrößerter Darstellung der Abbildungen hin und her zu klicken, ist überzeugend. Wem das nicht gefällt, kann sich natürlich eine Print-Copy durch jeden Copy-Shop ausdrucken lassen.

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